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RÜCKENWIND DES HEILIGEN GEISTES

Predigt im Pfingstgottesdienst zu Weiz 2018. Mit Paul M. Zulehner

1 WELT-Johannes Paul II.


Pfingsten 1979


Am 16.10.1978 war Johannes Paul II. zum 264. Papst gewählt worden. Bereits ein gutes halbes Jahr später besuchte er zu Pfingsten 1979 Polen. Die Lage in seiner Heimat war in diesen Tagen höchst angespannt. Es herrschte Kriegsrecht unter dem Ministerpräsidenten Jaruzelski. Polen war, wie der gesamte „Ostblock“ in kommunistischer Hand. Schon aber regte sich der Widerstand, getragen durch die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc von Lech Walesa. Seine wortgewaltige politische Predigt beendete der junge Papst mit den Worten: 


"Ich, ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrtausends, rufe am Vorabend des Pfingstfestes zusammen mit euch allen: Herr, Dein Geist steige herab! Dein Geist steige herab! Und erneuere das Antlitz der Erde! Dieser Erde! Amen." Und dies sprechend stampfte er hörbar mit seinem Fuß auf polnische Erde.


1989 wurde Polen vom Kommunismus frei. Johannes Paul II. hatte dabei große Verdienste. Er hatte dem politischen Widerstand in seinem Land und darüber hinaus in ganz Osteuropa den „göttlichen Rückenwind“ des Heiligen Geistes erbeten.


Dritter Weltkrieg auf Raten


Solchen „Rückenwind des Heiligen Geistes“ benötigt die Welt heute genauso dringend, wenn nicht noch dringlicher. Die Lage ist neuerlich höchst angespannt. Papst Franziskus war am 13.8.2014 zu einer Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs in der Militärischen Gedenkstätte Redipuglia in Italien eingeladen worden. In seiner Rede sagte er: „Der Krieg schaut niemandem ins Gesicht: Alte, Kinder, Mütter, Väter… Alle diese Menschen, deren Gebeine hier ruhen, hatten ihre Pläne, ihre Träume…, doch Ihr Leben ist zerschlagen worden. Die Menschheit hat gesagt: ‚Was geht mich das an?‘


Auch heute, nach dem zweiten Scheitern eines weiteren Weltkriegs kann man vielleicht von einem dritten Krieg reden, der ‚in Abschnitten‘ ausgefochten wird, mit Verbrechen, Massakern und Zerstörungen.“


Ein „dritter Weltkrieg auf Raten“. Und niemand weiß, ob er neben Syrien und Afghanistan, aber auch in Ländern Afrikas die Welt in den Abgrund eines fürchterlichen Dritten Weltkriegs reißen wird. Natürlich sind die Kräfte des Friedens bemüht, einen Waffenstillstand zu finden. Bislang vergeblich. Die Waffenlieferungen haben 2017 laut dem Schwedischen Kriegsforschungsinstitut SIPRI deutlich zugenommen. Es ist kein Frieden in Sicht.


Si vis pacem, para iutistiam


Die alten Römer pflegten zu sagen: „Si vis pacem, para bellum“ – „Willst Du Frieden, rüste zum Krieg!“ In ihrer Soziallehre formuliert die katholische Kirche hingegen sinngemäß: „Si vis pacem para iustitiam“ – „Willst Du Frieden, sorge Dich um Gerechtigkeit!“ Ein solcher Weg zum Frieden ist ein mühsamer Weg. Die Hoffnungslosigkeit vieler Menschen „schreit zum Himmel“. Es würde eine gerechtere Verteilung der knappen Lebenschancen brauchen. Sind wir, die reichen Nationen, dazu bereit? Treten wir für eine neue Welthandelsordnung ein, die nicht uns reichen Ländern dient, sondern auch den ärmeren Ländern eine Chance gibt aufzuholen? Gerechtigkeit meint aber auch, den anderen Völkern mit Wertschätzung „gerecht zu werden“. Der französische Politologe Dominique Moïsi spricht von einer „Demütigung der arabischen Welt“ durch die arrogante westliche Welt. Demütigung habe letztlich Osama Bin Laden, einen reichen Bürger Saudi-Arabiens, zum Terroristen gemacht. Er habe die Cruise Missiles von George W. Bush als Demütigung erlebt.


Ich möchte Sie alle gewinnen, dass wir uns heute in diesem Gottesdienst vor Gott stellen und wie Johannes Paul II. rufen: „Herr, Dein Geist steige herab! Dein Geist steige herab! Und erneuere das Antlitz der Erde! Dieser Erde! Amen." Die Welt von heute braucht starken „göttlichen Rückenwind“, damit Frieden und Gerechtigkeit eine Chance haben. 


2 KIRCHE – Papst Franziskus 


Den „Rückenwind des Heiligen Geistes“ braucht heute nicht nur die Welt, sondern auch unsere Kirche. 


Auslaufmodell


2014 war ich zu einem Ökumenischen Kirchentag in Rottweil am Rand des Schwarzwalds eingeladen. Bei einer Großveranstaltung war ich mit dem Chefredakteur des „Schwarzwälder Boten“ Klaus Siegmeier zusammengespannt. Er ist bekennender Atheist. Als solcher stellte er sich vor die Versammelten und sagte ihnen auf den Kopf zu: „Eure Kirchen sind ein Auslaufmodell. Ihr, die ihr heute hier sitzt, werdet in 30 Jahren nicht mehr da sein. Und Junge werden nicht nachrücken. Das stimme ihn nicht traurig, sondern eher zufrieden. Denn als Atheist und Kritiker der Religion hielt er es nur für gut, wenn die Zeit der Kirchen zu Ende gehe. 


Ich kam nach ihm ans Wort. Zunächst sagte ich zu ihm: „Wir beide haben viel gemeinsam. Beide sind wir sehr gläubige Menschen. Sie glauben (als Atheist) Gott weg, ich glaube ihn (als engagierter Christ) her!“ Zudem bin auch ich der Meinung, unsere Kirche sei ein Auslaufmodell. Das Schiff unserer Kirche ist lange auf dem Trockendock gelegen. Jetzt aber haben wir mit Papst Franziskus einen Steuermann, der uns in unserer innerkirchlichen Bequemlichkeit zumutet: „Wir müssen auslaufen“: auf die Meere des Lebens der Menschen, hinaus an die Ränder des Lebens und der Gesellschaft. „Raus und ran“ ist sein einfaches und doch anspruchsvolles Programm. Er wünscht sich „eine arme Kirche mit den Armen“, will nicht moralisieren, sondern Wunden heilen. Er ist kein Ideologe, sondern ein Hirte, der den „Geruch der Schafe“ kennt und trägt.


Neues Pfingsten


Als Kardinal König im Jahre 1996 in Weiz war, erinnerte er an das Neue Pfingsten, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der römisch-katholischen Weltkirche spürbar geworden war. Er wünschte damals auch, dass Weiz ein solch neues Pfingsten auslösen möge. 


Auch unter Papst Franziskus ist etwas von diesem neuen Pfingsten zu spüren. Der Wind des Heiligen Geistes knattert in den Segeln der Kirche. Das schwerfällige Schiff der Kirche ist mit einem mutigen Steuermann an der Spitze in Bewegung geraten. 


Zwar gibt es Menschen, welchen die lauschige Windstille lieber wäre. Dazu gehören sogar ein paar Kardinäle. Aber Papst Franziskus lässt sich nicht beirren. Mutig hat er – auch mit Unterstützung von Kardinal Schönborn – eine Lösung für jene Geschiedenen gebracht, deren erste Ehe aus einem unentflechtbaren Gemenge von Schuld und Tragik auseinandergegangen ist und die gegen die Weisung des Evangeliums sich für eine neue eheliche Gemeinschaft entschieden haben. Wenn diese Kirchenmitglieder den redlichen Wunsch haben, Gott zu suchen, ernsthaft den Weg des Evangeliums zu gehen, um auf dem Weg der Liebe gestärkt zu werden, dann steht ihnen jetzt Gottlob im Einzelfall der Weg zu den Sakramenten offen. 


Amazonassynode 2019


Papst Franziskus bereitet inzwischen eine weitere einschneidende Entwicklung vor. Sie betrifft den Priestermangel, der in vielen Teilen der Weltkirche dramatisch ist. So beispielsweise auch im Regenwald Brasiliens entlang des Amazonas. Dom Erwin Kräutler, emeritierter Bischof von Xingu in Brasilien, ein Vorarlberger, der vielen bekannt ist, erzählte mir, dass die meisten Gemeinden in seiner Diözese den Altar vom Dachboden holen, wenn er sie einmal im Jahr besucht. Sonst brauchen sie den Altar nicht, weil sie keinen Priester haben und ohne Priester die Eucharistie nicht feiern wollen. Die Bischöfe Amazoniens werden nun 2019 eine lokale Bischofssynode abhalten. Schon im Vorfeld hat der Papst diese Bischöfe aufgefordert, ihm in der Frage des Priestermangels „mutige Vorschläge“ zu machen. Wie Erwin Kräutler in einem ARD-Interview Ende April erzählte, werden sie dem Papst vorschlagen, verheiratete Katechisten, die in ihren Gemeinden pastorale Erfahrungen gesammelt haben, zu Priestern zu weihen.


Der Papst wird auf der Synode anwesend sein. Er wird dann die Bischöfe fragen: „Habt Ihr genug gebetet und gefastet und gut überlegt, was Ihr beschließt?“ Sie werden sagen: „Ja, Bruder Francesco.“ Und er wird ihnen dann zurufen: „Dann habt ihr meinen Segen. Macht es in Eurem Kirchengebiet!“ Und Papst Franziskus wird das sagen, weil er davon überzeugt ist, dass der Heilige Geist nicht nur im Vatikan wirkt, sondern überall, wo Menschen ihr Herz und ihren Verstand Gottes Geist öffnen und die Liebe leben. 


Als ich kürzlich bei einem Abendessen neben Kardinal Marx saß, erzählte ich ihm von meinem pfingstlichen Traum und fragte ihn dann, was das mit der deutschen Bischofskonferenz machen werde, wenn der Papst den Bischöfen im Amazonasgebiet grünes Licht geben werde: Das sagte er ganz aufgeregt: „Das würde uns gehörig unter Druck setzen.“ Ich erwiderte: „Das freut mich aber!“ Es wäre ein gewaltiger Schritt in der römisch-katholischen Kirche. 


Und mit Sicherheit werden danach Frauen mit dem Papst verhandeln, ob es nicht auch für sie einen Zutritt zum Priesteramt geben wird. Und hatte noch Johannes Paul II. sogar das Reden darüber unterbunden, ist inzwischen die offene Rede in der katholischen Kirche wiedergekehrt.


Also nicht nur die Welt von heute, sondern auch unsere Kirche braucht in unserer Zeit starken „göttlichen Rückenwind“, den „Rückenwind des Heiligen Geistes“. Geben wir Papst Franziskus und den Bischofskonferenzen in unserem Gebet heute mächtige Unterstützung. Und wer es noch nicht gemacht hat, kann dem Papst auch Unterstützung geben, indem er auf der Homepage ProPopeFrancis den Offenen Brief an Papst Franziskus mitunterzeichnet, was schon bald 75000 Menschen gemacht haben.


3 WIR HIER – Papst Benedikt XVI.


Vierfache Wandlung


Im Jahre 2005 hat Papst Benedikt XVI. den Weltjugendtag in Köln besucht. Mit einer großen Zahl junger Menschen hat er im Freien die Eucharistie gefeiert. In seiner gehaltvollen Predigt kam er auf die Wandlung zu sprechen, die sich im Anschluss an seine Predigt in der Messe mit den Jugendlichen ereignen werde. Er erklärte den jungen Menschen die Tragweite dieses Geschehens. Eine vierfache Wandlung werde sich ereignen. Das waren seine tiefschürfenden Worte: 


„Im Tod Jesu am Kreuz hinein in die Auferstehung ist eine grundlegende Verwandlung von Gewalt in Liebe, von Tod in Leben geschehen. 


Diese erste Verwandlung zieht dann die weiteren Verwandlungen nach sich. Brot und Wein werden sein Leib und sein Blut. 


Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muss sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden. Wir selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt mit ihm. Wir essen alle das eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht. Er ist in uns selbst und wir in ihm.


Aber die Dynamik der Wandlung macht bei uns nicht Halt. Sie… will von uns auf die anderen Menschen und auf die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.“ 


Weltverwandlung durch den Heiligen Geist ist also das Ziel der Feier der Eucharistie. Der große Jesuit Teilhard de Chardin hatte schon vor hundert Jahren die Vision von „La messe sur le monde“, die Messe auf dem Altar der Welt. Sie nimmt die finale Vollendung der Schöpfung gleichsam Gott preisend vorweg.


Veni Sancte Spiritus


Damit diese vielfache Wandlung sich ereigne, rufen wir auch heute in dieser Messe vor dem Einsetzungsbericht den Heiligen Geist herab. Wir werden dazu das berührende „Veni Sancte Spiritus“ singen, das wir der ökumenischen Mönchsgemeinschaft von Taizé verdanken. Gottes Geist möge verwandeln: die Gaben, darin aber uns und mit uns die Welt. Papst Benedikt erinnert uns auch an die Zielrichtung der Wandlung: Gewalt wird in Liebe umgestaltet. Wenn Gewalt endet, kann sich Liebe ausbreiten – in unserem persönlichen und familiären Leben, in Europa, in der Einen Welt.


Lassen wir uns durch den Heiligen Geist wandeln: jetzt


Ich möchte Sie gewinnen, den Ruf vor der Wandlung „Veni Sacte Spiritus“ mit Ergriffenheit zu singen. Möge dann Gott unsere Herzen öffnen für seinen Heiligen Geist. Dann werden wir dieses Gotteshaus anders verlassen als wir hereingekommen sind. Herein kamen wir vielleicht mit Angst um uns selbst. Hinausgehen können wir als mutige, solidarische Menschen, die bereit sind (bildlich gesprochen) anderen die Füße zu waschen..


Wir: Das sind viele. Das lässt mich mit Papst Benedikt hoffen, das nicht nur wir hier verwandelt werden, sondern mit uns unser Land, die Weizer Solidarregion, die wunderbare grüne Steiermark, Europa, ja die Welt mit uns mitverwandelt werden. Ich bin da zuversichtlich. Heute werden wohl mit uns weitere 800000 Menschen in Österreich Gottes Geist in einer heiligen Messe herabrufen. Wenn sich diese vielen Menschen wirklich Gottes Geist öffnen, dann ist morgen unser Land anders, solidarischer und liebevoller.


Der Kreis meiner Predigt schließt sich. Neuerlich kann sich hier und heute erfüllen, worum Papst Johannes Paul II. 1979 auf dem Siegesplatz in Warschau erbeten hat: 


„Herr, Dein Geist steige herab! Dein Geist steige herab! Und erneuere das Antlitz der Erde! Dieser Erde!“ Und ich füge zögerlich und werbend an: „Und wandle auch uns selbst! Jetzt!. Amen."

 

 
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