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Weizer
Pfarrkonzil
Konziliare
Prozesse zur Erneuerung der Kirche
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Am 8. Dezember 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Am 3.
Dezember 1995 wurde das 1. Weizer Pfarrkonzil beendet. 30 Jahre nach
dem Konzil wurde auf Pfarrebene der Geist des Konzils, der ein Geist
des Aufbruchs war, wieder spürbar. Als pilgerndes Volk Gottes
haben sich in Weiz an die 100 ChristInnen auf den Weg gemacht.
Inhaltlich ging es
bei diesem Pfarrkonzil um drei Vorgänge:
* eine
Visionsfindung für die Pfarre
* eine Vernetzung der Gemeindemitglieder
* konkrete Schritte zur Umsetzung der entwickelten Vision
Die Visionsfindung geschah auf dem Hintergrund der Weizer
Pfingstvision. Dieser ist es eigen, für die Erneuerung der
Kirche einen offensiven mystisch-politisch-geschwisterlichen Akzent
einzubringen. Diesen Anliegen hat sich auch im Pfarrkonzil fortgesetzt.
Beim Pfarrkonzil
handelt es sich um einen geistlichen Vorgang, der offen für
Neues ist. So wurde das Pfarrkonzil von sehr vielen (die auch ganz
bewußt darum gebeten wurden) intensiv mit ihrem Gebet
begleitet, Zentrum war der gemeinsame Gottesdienst. Aus dieser Mitte
erwuchs die Kraft, notwendige menschenentfesselnde Schritte (so die
Weizer Übersetzung von Politik) anzugehen. Die
innerkirchlich-strukturellen Fragen wurden streng aus dem Blick der
pfarrlichen Notwendigkeiten heraus formuliert.
Die Vorbereitungen
hatten schon ein Jahr vorher begonnen, nachdem der Pfarrgemeinderat
einstimming beschlossen hatte, ein solchen Konzil abzuhalten.
Der Pfarrgemeinderat
und alle Hauptamtlichen (Dechant, zwei Kapläne, zwei Diakone,
Pastoralassistent) nahmen am Konzil teil. Darüber hinaus wurde
eine offene Einladung an alle getauften und gefirmten KatholikInnen der
Pfarre ausgesprochen. Bedingung zur Teilnahme war eine schriftliche
Anmeldung.
Wichtig war,
daß die ganze Pfarre beim Konzil vertreten war. Jung und Alt,
Progressiv und Konservativ, Akademiker und Hilfsarbeit, etc. Genau
diese Spannung war dann äußerst fruchtbringend
für den Verlauf. Um so bemerkenswerter ist es, daß
beinahe alle Abstimmungen einstimmig erfolgt sind (mit
höchstens vier Stimmenthaltungen, nur bei einer Abstimmung gab
es eine Gegenstimme).
Für die
TeilnehmerInnen wurde es konkret erfahrbar, daß Kirche
Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott,
wie für die Einheit der ganzen Menschheit sein kann (vgl. LG
1).
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Ablauf des
Treffens
freitags
18.30 - 19.00 Singen
19.00 Einstimmung
Begrüßung
Lied - Zwei Jungen gingen
Evangelium Lk., 24, 13-35
Bildmeditation zum Evangelium
Gemeinsames Gebet zum Hl. Geist
Segen
Lied - Herr erwecke Deine Kirche
Kennenlernen und
Erfahrungsaustausch
Einführung zum Gruppengespräch
Kurzes Vorstellen im
Gruppengespräch
was motiviert mich
beim Pfarrkonzil mitzumachen?
wo bin ich frustriert in meiner pfarrlichen Arbeit?
was gibt mir Hoffnung?
21.15 Sammelphase im
Konzilsaal
Die Gruppenleiter bringen
die wichtigsten Ergebnisse aus den Gesprächen ins Plenum ein.
21.30 Abendlob
Anschließend
treffen sich die GruppenleiterInnen, um die wichtigsten Themen zu
bündeln und das weitere Programm gegebenenfalls anzupassen.
samstags
9.00 Laudes
9.30 Meine Sehnsucht
- unsere Träume von Kirche
In Kleingruppen
Jeder
überlegt sich einzeln:
In welcher Kirche von
morgen möchte ich leben?
Von wo weg, wohin?
Das wird schriftlich
formuliert
In der Gruppe werden
schriftlich "Visionsbausteine"
formuliert, auf einen Zettel ein Baustein
11.30
Präsentation der Visionsbausteine im Plenum
Jede Gruppe stellt ihre Visionsbausteine vor.
Es gibt nur Verständnisfragen, keine inhaltliche Diskussion.
12.00 Mittagessen
Ein kleines Team (oder die GruppenleiterInnen) faßt die
Visionsbausteine zusammen und ordnet sie der Weizer Pfingstvision zu
oder fügt sie als eigenständige Visionen hinzu. Diese
Visionen werden auf Plakate geschrieben (gedruckt) und im Raum an die
Wände verteilt.
Anhand dieser Plaktate erfolgt dann die Gruppeneinteilung am Nachmittag
14.00 Wege zur
Umsetzung in der Pfarre
Lied: Herr erwecke Deine Kirche Die einzelnen Visionen werden kurz
vorgestellt. Es finden sich neue Kleingruppen um die einzelnen Visionen
In den Kleingruppen In der Gruppe sollen ein bis höchstens
drei ganz konkrete Schritte der Umsetzung gefunden werden. Es darf kein
Ideenkatalog werden, den andere ausführen müssen.
Konkret: Wer ist verantwortlich? Wie ist die Idee
überprüfbar? Bis wann soll die Idee realisiert sein?
Jede Gruppe bereitet Plakate mit ihren Ideen vor
16.00 Pause
17.00 Vorstellung der
Ergebnisse und "Bepunktung"
Die konkreten Vorschläge werden von Gruppensprechern
vorgestellt. Es gibt nur Verständnisfragen, die mitgeschrieben
werden. Jeder hat fünf Klebepunkte zu vergeben, um die
Vorschläge nach der Wichtigkeit zu bewerten.
17.30 Beratung und
Beschluß I
Die Vorschläge werden der Reihenfolge nach diskutiert (die
Vorschläge mit den meisten Punkten als erste). Falls es
notwendig ist, wird abgestimmt. Es genügt die einfache
Mehrheit mit Handzeichen. Nur bei Fragen zu Personen wird geheim
abgestimmt.
19.00 Abendessen
20.00 Beratung und
Beschluß II
22.00
Schlußandacht
Anschließend
fast ein kleines Team die Beratungen und Beschlüsse zu einem
Konzilsbericht zusammen.
sonntags
Abschließende
Beratung und Gottesdienstvorbereitung
Kleingruppen bereiten Teile des Gottesdienstes vor:
Konzilsbericht, Bußakt, Lesung, Fürbitten, Dank, etc.
10.00
Eucharistiefeier der Pfarrgemeinde und Konzilsbericht
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Ergebnisse
des 1. Weizer Pfarrkonzils
Zehn Schritte der Erneuerung für die Pfarre Weiz
1. Oase für
die MitarbeiterInnen
Für die vielen MitarbeiterInnen wird ein Treffpunkt
geschaffen, wo sie ihren Wurzeln in Gott nachspüren und
geistig auftanken können.
2. Netze der
Solidarität
In unserer Pfarre gibt es viele Alleingelassene - Kranke, Alte,
Trauernde, Zugezogene, "Austrittswillige", Ausgetretene, Behinderte,
etc. Es gibt auch Leute, die mit offenen Augen Netze der Aufmerksamkeit
geknüpft haben. Diese Netze wollen wir verdichten.
3. Zeichen der
Solidarität
Als Ausdruck der Solidarität mit einem bei uns lebenden Kurden
wird ein offener Brief an den Innenminister geschickt.
Das 1. Weizer
Pfarrkonzil unterstreicht die Notwendigkeit einer den christlichen
Grundsätzen entsprechenden Begegnung mit Ausländern.
Menschen, die sich an unser Land um Hilfe und Aufnahme wenden und die
aufgrund der menschenunwürdigen Verhältnisse in ihrem
Heimatland kaum die Möglichkeit haben zurückzukehren,
sollten in Österreich rasch aufgenommen werden.
Das 1. Weizer
Pfarrkonzil solidarisiert sich - als Ausdruck dieser Haltung -
ausdrücklich mit dem bei uns lebenden türkischen
Kurden Ali Budak. Im Gegensatz zu seinen Familienangehörigen
wurde er nicht als Asylant anerkannt. Ali Budak gehört dem
sunnitischen Zweig des islamischen Glaubens an.
Er hat
Anschluß in der Pfarre Weiz gefunden.
4. Diakone
In unserer Pfarre, der größten in der Steiermark,
gibt es sehr große soziale Herausforderungen. Neben den
vielen frauen und Männern, die sich dieser Aufgabe stellen,
brauchen wir dringend auch amtlich beauftragte Diakone. Daher suchen
wir Kandidaten für dieses Amt. Bis Weihnachten besteht die
Möglichkeit, neue Kandidaten vorzuschlagen.
5. Diakoninnen
Da sich in unserer Pfarre einige Frauen stark sozial engagieren und es
für die Diakonie in unserer Gemeinde sehr wichtig
wäre, äußern die TeilnehmerInnen des 1.
Weizer Pfarrkonzils den Wunsch, Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Diesen
Wunsch werden wir der Diözesanleitung vorlegen.
6. Vir Probatus
In unserer Pfarre gibt es eine Teilgemeinde, die beim heutigen
Priestermangel in absehbarer Zeit nur mehr sehr schwer einen Priester
bekommen wird. Das 1. Weizer Pfarrkonzil schlägt deshalb einen
verheirateten Mann, der sich seit langem in der pastoralen Arbeit der
Pfarre bewährt hat, zur Priesterweihe vor.
7. Mitsprache bei
Bestellung von hauptamtlichen MitarbeiterInnen
Wir möchten bei wichtigen Personalentscheidungen für
unsere Pfarre von Anfang an in den Entscheidungsprozeß
eingebunden werden. In einem Gespräch mit der
Diözesanleitung sollen konkrete Wege dazu gesucht werden.
8. Predigterlaubnis
für Laien
Das 1. Weizer Pfarrkonzil trägt an den Bischof den Wunsch
heran, daß der Pfarrgemeinderat unter dem Vorsitz des
Pfarrers dazu ermächtigt wird, geeigneten Personen das
Predigen zu erlauben.
9. Lebendige
Gottesdienste
Der Liturgiekreis wird folgende Anliegen weiterbearbeiten: -
Architektonische Umgestaltung des Altarraumes - Gestaltungselemente
für Kinder - Bearbeitung liturgischer Texte, etc.
10. Vortrags- und
Gesprächsreihe
Das Katholische Bildungswerk wird unter dem Thema "Steine des
Anstoßes" Veranstaltungen zu kontroversiellen Themen anbieten.
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Brief von
Bischof Weber
Graz, am 3. Januar 1996
Grüß
Gott!
Am heutigen Tag wurde
mir offiziell das Ergebnis der "Weizer Pfingstvision" und des "1.
Weizer Pfarrkonzils" übergeben.
Ich weiß, daß dahinter eine große
mehrjährige Bemühung steht. Besonders denke ich an
die verschiedenen Treffen von Jugendlichen und Erwachsenen jeweils zu
Pfingsten. Gerade durch sie wurden Hoffnung auf eine gute Zukunft und
Liebe zur konkreten Kirche für viele Katholiken erfahrbar.
Dafür danke ich sehr herzlich.
In unserer Kirche
bewegt sich sehr viel. Es gibt Phantasie, Wegsuche und auch Ungeduld.
Sie ist oft berechtigt, oft wird sie schmerzlich gespürt.
Aber wir sollen darauf vertrauen, daß wir vom Geist Gottes
geführt werden. Mitunter finden wir keine rasche Antwort auf
brennende Fragen. Aber auch das kann uns helfen, vor
Oberflächlichkeit bewahrt zu bleiben und daß wir
"den Wurzeln in Gott" (1. Weizer Pfarrkonzil) nachspüren. Das
ist Aufgabe aller, dafür müssen wir voneinander
lernen.
Manche Vorschläge berühren die ganze Weltkirche, etwa
die Lebensform der Priester. Hier können wir nicht in einer
Pfarre, einer Diözese, einem Land einen Sonderweg gehen.
Wohl aber ist es ein Anstoß, daß wir mutig neue
Wege der Seelsorge suchen, die aus der Berufung aller Getauften kommen.
Vor allem bin ich dankbar, daß wir immer eine Gemeinsamkeit
des gegenseitigen Vertrauens hatten und es so weiter halten werden.
Nicht Unzufriedenheit und Enttäuschung sollen das letze Wort
sein, sondern das Miteinander zu einer erneuerten Kirche.
Gott behüte
sie alle.
Ihr Bischof Johann Weber
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Konziliare
Treffen
Die Konziliaren
Treffen sind entstanden, als es nach dem Weizer Pfarrkonzil aus ganz
Östereich Anfragen gab, diese Erfahrungen weiterzugeben.
Unter der Mitarbeit des Wiener Pastoraltheologen Prof. DDr. Paul M.
Zulehner findet jedes Jahr ein solches Treffen statt, zu dem
ChristInnen aus ganz Österreich nach Weiz kommen.
1996: Erfahrungen aus
dem Weizer Pfarrkonzil
Das erste Konziliare Treffen im März 1996 sollte dazu dienen,
die TeilnehmerInnen in den Vorgang des Weizer Pfarrkonzils
einzuführen, und damit zu befähigen,
ähnliche Prozesse zu initiieren. Zu diesem Zweck wurden
dieselben Schritte wie beim Pfarrkonzil gegangen - nur eben mit
über 70 Teilnehmern aus ganz Österreich. Dabei ging
es um Visionen und konkrete Reformschritte für Pfarren und
Gemeinden in Österreich. Das Treffen endete mit dem Wunsch,
ähnliche Treffen alljährlich anzuhalten und als
offene ökumenische Prozesse mit einer Schwerpunktsetzung
fortzuführen. Inhaltlich ergaben sich folgende Themen:
* die
Not-Wendigkeit, daß Christen mündig und
verantwortlich werden und sich aus Gottes-verwurzelung heraus politisch
engagieren.
* Ökumene darf kein "Sonderthema" sein, sondern ist Grundlage
aller pastoralen Arbeit.
1997: Pfarrananlyse
Paul M. Zulehner stellte im 2. Konziliaren Treffen in Weiz ein neu
entwickeltes Arbeitsinstrument zur Pfarranalyse vor, das vor Ort
mittels Computer erprobt und ausgewertet wurde. Im Anschluß
an das Ergebnis des Vorjahres wurde die Pfarre/Gemeinde als Ort der
Solidarität in den Mittelpunkt der Überlegungen
gerückt: Pfarrgemeinde wird dort als Ort der
Solidarität erlebt, wo Menschen sich dafür stark
machen, daß möglichst viele Menschen Zugang zu
Lebenschancen haben. Es geht darum, daß wir aus dem Bannkreis
der Angst übersiedeln in den felsenfesten Glauben, der erst
echt gelebte Solidarität möglich macht.
1998: "Stunde 2 nach
der Wende"
Die Konziliaren Treffen entwickeln sich zu einer Art
"Zukunftswerkstatt" der Kirche. Auffallend ist die Entwicklung,
daß von den 100 TeilnehmerInnen des Treffens die
überwiegende Mehrzahl Laien waren. Priester und hauptamtliche
Laien, an die sich zuerst unsere Einladung gerichtet hatte, blieben in
der Minderheit. Ist das ein Zeichen dafür, daß die
Kraft zum Aufbruch von Laien kommt? Ist die Frustration und innere
Isolation bei vielen hauptamtlichen MitarbeiterInnen so groß,
daß der Schwung von Außen kommen muß?
Zum Treffen kamen auch Gäste aus Deutschland, Polen und
Kroatien. Es waren viele kreative ChristInnen, die sich heuer in Weiz
getroffen haben, Musiker, ein Märchenerzähler, eine
Autorin...
Kirchenreform beginnt bei der Wurzel. Wenn Menschen aus einer
urpersönlichen Gotteserfahrung heraus leben, dann geschieht
Aufbruch.
Josef Fischer berührte viele mit seiner einfachen,
bilderreichen Sprache. Einfach sein Leben leben. Bei sich sein, nicht
neben sich. Wesentlich werden können. Kirche als ein Ort, wo
mein Leben vorkommen darf, wo man nicht nur oberflächlich
miteinander verkehrt.
Diese Alltagsmystik wurde in sehr persönlichen
Gruppengesprächen eingeübt.
Das Treffen fand mitten in den innerkirchlichen Wirren der Causa Groer,
etc statt. Güther Nenning hatte spontan zugesagt zum
Kamingespräch nach Weiz zu kommen. Dieser Abend zeigte, wie in
einem Brennspiegel die momentane Situation der Kirche.
Paul Michael Zulehner prägte den Begriff von der "Stunde 2
nach der Wende". Es gehe jetzt darum nach der Erklärung der 4
Bischöfe zur Causa Groer den Aufbruch bewußt zu
gestalten.
Günther Nenning provozierte herauszukommen aus diesen
innerkirchlichen Unwichtigkeiten. Es gebe viel Wichtigeres. Die
Ungerechtigkeit in der Welt. Ein kühnes soziales Projekt
könnte uns weiterhelfen.
Das verletzte manche. Über gewisse Verwundungen kann man nicht
so einfach hinweggehen. Ein zweifacher Weg scheint angesagt: Heilung
nach Innen und Aufbruch nach Außen. Dieser Aufbruch kommt
aber sicher nicht durch schöne, moralische Appelle zustande,
sondern durch handfeste Projekte. Der Delegiertentag in Salzburg bietet
eine große Chance, wenn zum Schluß evaluierbare
Projekte des Aufbruchs stehen.
1999: Liturgie als
Gottesgefahr
Zum vierten Mal lud die Pfarre Weiz zu einer kirchlichen
Zukunftswerkstatt ein. Der Grazer Liturgiewissenschaftler Philipp
Harnoncourt und der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner gingen den
Fragen nach, wie unsere Gottesdienste zu Kraftquellen werden und mehr
Lebendigkeit ausstrahlen können.
Woran liegt es, dass
Gottesdienste oft als kraft- und leblose Veranstaltungen zur
Erfüllung der Sonntagspflicht erlebt werden, aber nicht als
Feiern des Lebens? Rund 70 Teilnehmer aus ganz Österreich, zum
überwiegenden Teil Frauen, überlegten gemeinsam, wie
eine Kirche von morgen Gottesdienst feiern kann.
Der Weg Philipp Harnoncourts führte von innen nach
außen. Der entscheidende Punkt ist, ob die Liturgie eine
Heilserfahrung vermitteln kann. Am Beispiel der Emausjünger
deutet Harnoncourt die Lebenserfahrung von Menschen, die sich auf Jesus
eingelassen haben, die miteinander unterwegs sind, als Weg vom Unheil
zum Heil. Liturgie drück immer eine Bewegung aus und erfordere
die innere Bereitschaft, sich wandeln zu lassen. "Wir begehen Feiern
und besitzen sie nicht." Harnoncourt habe auch "in vorkonziliarer
Liturgie tiefe Heilserfahrung erlebt, in mit großer Akribie
zusammengestrickten Gottesdiensten aber auch schon mehr Krampf als
Heil."
Feiern heißt für ihn, ein Heilsereignis nicht von
der Vergangenheit verschlucken zu lassen, sondern mit ihm gleichzeitig
zu werden im Bedenken und Bedanken, weil es den Tod
überwindet. Der Auferstandene werde verewigt und darin der
ganzen Geschichte präsent. "Vergangenes wird bedacht, weil es
Zukunft erschließt". Feiern ist Zustimmung zum Leben.
Eine Gefahr sieht Harnoncourt darin, "wenn jemand glaubt, in der
Liturgie schon alles zu finden". Der Prüfstand, ob unsere
Liturgie taugt, sei die Barmherzigkeit, die Bewährung von
Christsein im Alltag.
Paul Zulehner betrachtet Liturgie als einen Ort, sich der Gottesgefahr
auszusetzen. Es sei riskant, hinzugehen und sich mit Gott einzulassen.
In der Rede von Gott zeigt er drei Gefahren auf: die Verlieblichung,
die Verdrohlichung, und die Vernützlichkeit Gottes. Von Johann
B. Metz kommt die provokante Frage, ob wir Gott nicht
verbürgerlicht haben, aus einem unpassenden Gott einen uns
passenden Gott gemacht haben, der niemanden mehr stört? "Den
Gott, der umstandslos zu unseren Wünschen und Träumen
passt, gibt es nicht." Diese Haltung führe zu einer
Wellness-Spiritualität. Sich ändern zu lassen,
wäre das Unwahrscheinlichere.
Einen Ausweg zeigt Zulehner darin, jenseits von Verdrohlichung und
Verlieblichung eine Erfahrung des wirklichen Gottes zu suchen, in die
Gottesschule Jesu zu gehen. Kirche von morgen soll die
Solidargemeinschaft der Gottessuchenden sein. Die gesamte Liturgie
steuere auf Wandlung hin, auf die Umgestaltung der Welt, darauf, "dass
ich anders herauskomme, als ich hineingegangen bin." Kirche
könne nicht als Gemeinschaft spirituell bedürftiger
verstanden werden. Vielmehr brauche Gott die Menschen, um seine
Schöpfung zu sanieren. "Eine Kirche, die nicht gezeichnet ist
von der dienenden Hingabe an die Welt, ist nicht die gewandelte
Kirche." Die Sanierung der Liturgie habe nur eine Chance, wenn wir uns
zuerst nach unserem eigenen Gottesverhältnis fragen. Die
zentrale Frage sei, ob ich selbst bereit bin, mich der Gefahr
auszusetzen, von Gott verwandelt zu werden.
Alfred Jokesch
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