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I n h a l t
* I. Ein bislang
zehnjähriger Weg
o Die Anfänge einer Vision
+ Die Anfänge einer Vision, Johnsdorf, Ostern 1988
+ Wir haben einen Traum, Pfingsten 1989
+ Günther Zgubic, Weizer Kaplan geht nach Brasilien
o Die Jugendtreffen
o Die Weizer Pfingstvision
o Das neue Pfarrzentrum am Weizberg
o Das Weizer Pfingstereignis
o Bewegung aber nicht "movimento"
o Wider ein idyllisches Bild
* II. Was
läßt sich übertragen?
o Spirituelle Erfahrungsräume
+ Pastoralseminar in Weiz
+ Andere spirituelle Zugänge
o Netze der Solidarität
+ Christina lebt
+ Netz der Aufmerksamkeit
+ Netzwerk Solidarität
o Konziliare Prozesse
+ Weizer Pfarrkonzil
+ Konziliare Treffen
* III. Bausteine
für eine neue Gestalt von Kirche
o Aufbruch geschieht aus der Kraft der Vision.
o Quelle des Aufbruchs sind spirituelle Erfahrungsräume.
o Quelle des Aufbruchs sind Netze der Solidarität
o Aufbrüche geschehen durch konziliare Prozesse
o Erneuerung geschieht in der Öffnung zur Welt
o Eine neue Gestalt von Kirche ereignet sich besonders als
Sammlungsbewegung an den Rändern der Kirche.
o Es ist die Stunde der Laien, besonders die der Frauen.
o Es gilt Energien für etwas und nicht zuerst gegen etwas
einzusetzen.
o Leitung geschieht zunehmend in offenen, prozessorientierten Teams.
o Aufbruch ist letztlich Geschenk.
* I. Ein bislang
zehnjähriger Weg
o Die Anfänge einer Vision
+ Die Anfänge einer Vision, Johnsdorf, Ostern 1988
Zu Ostern 1988 fuhren 12 Jugendliche aus Weiz in das oststeirische
Bildungshaus Johnsdorf zu Meditationstagen. Die Einladung dazu kam von
Jugendleiter Fery Berger. Aus persönlichen Erfahrungen
während eines längeren Indienaufenthaltes stammte
seine Idee "Exerzitien für Jugendliche" zu erarbeiten. Was vor
allem als Motivation für GruppenleiterInnen gedacht war, wurde
zu einem intensiven, gemeinsamen Glaubenserlebnis. Aus dieser ersten
Gruppe entstand eine Gemeinschaft, die im Kern bis heute besteht und
versucht Leben und Glauben miteinander zu teilen. Die
viertägigen Meditationstage zu Ostern fanden von da an
jährlich statt und entwickelten sich zu einem ersten,
wichtigen Grundstein der Jugendarbeit in Weiz.
+ Wir haben einen Traum, Pfingsten 1989
Bei einer Tagung über kirchliche Jugendarbeit in Salzburg
entstand die Idee, in Weiz ein Jugendtreffen abzuhalten. Jugendliche
planten ein Musical über Martin Luther King
aufzuführen. Der damalige Diözesanjugendseelsorger
Hans Schrei machte den Vorschlag, ein steirisches Jugendtreffen unter
dem Motto "Wir haben einen Traum" dazu zu veranstalten. In einem
intensiven Prozeß formulierten die 70 Mitwirkenden des
Musicals ihre Visionen für Welt und Kirche. Die letzte Vision
hieß: "Wir haben einen Traum von einem neuen Aufbruch in
unserer Kirche. Wir haben einen Traum von Menschen, die Gott erfahren
und Gemeinschaften bilden. Wir haben einen Traum von Christen, die das
Dunkel in der Welt licht machen und die Botschaft von der Befreiung
verwirklichen."
+ Günther Zgubic, Weizer Kaplan geht nach Brasilien
Zu den 12, die zum
ersten Mal in Johnsdorf waren, gehörte auch der damalige
Kaplan von Weiz, Günther Zgubic. Er entschloß sich
als Priester nach Sao Paolo zu gehen. Zuerst leitete er dort eine
Vorstadtpfarre. Dann lebte er einige Zeit auf der Straße mit
den Ärmsten, bis er Gefängnisseelsorger in Sao Paolo
wurde. In Weiz wurde seine Arbeit von der Solidaritätsgruppe
Axé begleitet. Gerade in diesem Engagement kam es im Lauf
der Jahre immer wieder zu starken Aufbruchserfahrungen. Vom Austausch
Jugendlicher aus Sao Paolo und Weiz für ein halbes Jahr bis zu
einer internationalen Kampagne gegen die Folter in den
Gefängnissen Brasiliens, reichte die Zusammenarbeit.
Politisches Engagement und Solidaritätsgruppen wie
Axé, wurden zu einem weiteren wichtigen Grundstein der
Arbeit mit Jugendlichen.
o Die Jugendtreffen
Was sich als Aufbruch in Weiz entwickelte, hat seine Wurzeln in der
Jugendarbeit. Zum dritten Grundstein dieser Arbeit wurden die
jährlich stattfindenden Jugendtreffen. 500 bis 1000 Menschen
aus der ganzen Steiermark kamen jährlich zu Pfingsten nach
Weiz. Wichtig war dabei das kreative, musische Element.
Während dieser Zeit wurden drei Musicals selbst erarbeitet. Es
entstand so ein eigenes Weizer Liedgut. Die Themen für die
Treffen wurden zuerst vom Konziliaren Prozeß aus Basel
übernommen, bis 1993 das Motto "Bau meine Kirche wieder auf!"
im Mittelpunkt stand. Dazu wurde erstmals Prof. Paul M. Zulehner nach
Weiz eingeladen, der von da an den Weizer Prozeß theologisch
und freundschaftlich begleitete. Bischof Johann Weber diskutierte im
Franziskussteinbruch mit den Jugendlichen über diese
franziskanische Kirchenvision.
o Die Weizer Pfingstvision
1995 war "Je mystischer, desto geschwisterlicher" das Thema des
Jugendtreffens. Kardinal König hatte zugesagt nach Weiz zu
kommen. Genau in die Vorbereitungen des Treffens nahm die
"Affäre Groer" ihren spektakulären Anfang. Man
hörte erstmals von einem Kirchenvolksbegehren aus Tirol. In
dieser aufgeladenen Situation wurde im Vorbereitungsteam des
Pfingsttreffens die Idee geboren, eine Vision in Form von
Selbstverpflichtungen zu formulieren. Wie möchten wir als
ChristInnen leben, daß sich Kirche erneuern kann? Die Weizer
Pfingstvision war geboren. Was zuerst als Grundlage für die
TeilnehmerInnen des Treffens gedacht war, wurde über Nacht
durch Medien bekannt. Die Weizer Pfingstvision wurde an alle Pfarren in
Österreich versandt und von über 27000 Menschen
unterschrieben.
o Das neue Pfarrzentrum am Weizberg
Im selben Jahr wurde mit dem Abschluß der Renovierung des
Pfarrhofes ein großes pastorales Zentrum geschaffen. Von
vielen mit einem Kloster verglichen, bot das neue Pfarrzentrum am
Weizberg optimale Voraussetzungen um dem Gewachsenen Raum zu geben. Ein
ganz neuer Schwerpunkt entwickelte sich. Der Weizberg wurde auch zu
einem Kulturzentrum. Zur Eröffnung gab es eine Ausstellung
unter dem Motto "Unbedingte Zeichen. Glaube und Moderne an der
Schwelle" mit 50 bekannten KünstlerInnen. Inzwischen haben
schon Künstler wie Siegfried Anzinger, Hannes Schwarz,
Günter Waldorf oder Josef Fink im herrlichen
Kellergewölbe des Pfarrzentrums ausgestellt. Mit der modernen
Gestaltung der neuen Emanuelkapelle, einer Seitenkapelle der
Weizbergkirche, durch die Künstler Schwarz, Rauchenberger und
Eisenköck entstand ein ehrliches, überzeugendes Juwel
zeitgenössischen Sakralbaus. Als Abschluß der
Renovierung des Pfarrzentrums entschied der Pfarrgemeinderat auch die
"innere Pfarrenovierung" nicht zu vergessen. Es wurde die Idee geboren,
ein Pfarrkonzil in Weiz abzuhalten.
o Das Weizer Pfingstereignis
1993 fand in der Pfarre Weiz das erste Pastoralseminar statt. Dieser
"Gemeinde-Glaubenskurs" wurde zu einem Schwerpunkt der pastoralen
Arbeit und findet seitdem jedes Jahr statt. Dadurch kamen auch
zunehmend Erwachsene zu den Jugendtreffen hinzu. Im Lauf der Jahre
entstand so ein mehrtägiges Weizer Pfingstereignis. Den
Mittelpunkt bildet am Pfingstsonntag das Weizer Pfingsttreffen. Ein
eigenes Jugendprogramm, eine Vernissage und die Weizer
Solidargespräche bilden die weiteren Schwerpunkte. Jedes Jahr
wird eine Symphonie von Anton Bruckner aufgeführt. Die
spirituelle Dimension und visionäre Kraft seiner Musik
bereichert in besonderer Weise das Weizer Pfingstereignis.
o Bewegung aber nicht "movimento"
Ein wichtiges Prinzip in Weiz war es immer, daß keine
exklusiven Gruppen innerhalb der Pfarre entstehen und die Pfarre so
gespalten wird. Die Bewegung, die immer wieder spürbar wurde,
sollte nicht in einen Verein oder irgendeine Gruppierung
münden. Die Pfarre sollte bewußt der Ort der
Bewegung bleiben. So ist die Struktur der Weizer Pfingstvision sehr
schlank. Ein "Team Pfingstvision" zieht sich jährlich einmal
zu einer Klausur zurück, um grundsätzlich den
Prozeß zu reflektieren. Das Pfingstereignis wird in mehreren,
prozeßorientierten, offenen Teams vorbereitet. Es gibt weder
eine Mitgliedschaft, noch irgendwelche anderen speziellen Riten.
o Wider ein idyllisches Bild
Von einer Außensicht betrachtet, könnte man durchaus
ein falsches Bild von der Pfarre Weiz bekommen. Neben dem hier
erzählten, könnten im gleichen Atemzug Probleme
genannt werden, die es überall sonst in der Kirche auch gibt.
Volkskirchliche Strukturen bröckeln ab. An die 60
KatholikInnen verlassen jährlich die mit knapp 16.000
KatholikInnen größte Pfarre der Steiermark. Es gibt
Spannungen und Konflikte. Ein Prozeß um eine neue
Friedhofsordnung beschäftigte lange Zeit die regionalen
Medien. Man kann Weiz auch nicht als die "Reformpfarre" bezeichnen.
Lebendig ist jedoch die Erfahrung, daß es immer wieder mitten
im Sterben einer alten Gestalt von Kirche anfanghaft
Aufbruchserfahrungen gab. Die Frauen, die früh am morgen zum
Grab gehen und dort Auferstehung erleben, mußten vorher durch
die Hölle des Todes. Der Engel sagt ihnen, daß Jesus
nach Galiläa vorausgegangen sei. Sie sollen den
Jüngern ausrichten, daß sie aufbrechen und Jesus
nach Galiläa nachgehen. Aufbruch ist eine Reaktion auf
persönliche Todes und Auferstehungserfahrungen. Durch
Brüche hindurch geschieht Aufbruch. Eine Bewegung entsteht,
wenn sich viele solche Erfahrungen bündeln. Auch in der
"Weizer Bewegung" gab es Brucherfahrungen, die im nachhinein betrachtet
aber immer wichtige Entwicklungsschritte einleiteten.
* II. Was
läßt sich übertragen?
Aus dem bis jetzt
Geschilderten, stellt sich die Frage: "Ist das ein spezifisch Weizer
Weg, oder lassen sich Erfahrungen auch woanders hin
übertragen?" Es gibt kein "Weizer Modell", das eins zu eins
übernommen werden könnte. Es gibt keinen Menschen,
der quasi am Reißbrett den Weizer Weg entworfen
hätte. Der Weg entstand beim Gehen. Wohl gibt es Erfahrungen
in Sachen Aufbruch, die überall gemacht werden können
und so auch übertragbar sind. Wenn man auf die zehn Jahre
zurückschaut, so lassen sich drei Quellen ausfindig machen,
aus denen heraus immer wieder Aufbrüche spürbar
geworden sind. Es sind dies: Spirituelle Erfahrungsräume,
Netze der Solidarität und Konziliare Prozesse.
o Spirituelle
Erfahrungsräume
Kaum ein Zitat wird in der heutigen Kirchendiskussion öfter
verwendet, als das von Karl Rahner: "Der Christ der Zukunft wird ein
Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein."
Alles deutet darauf hin, daß wir uns in der Kirche in einer
epochalen Übergangssituation befinden. Die
persönliche, freie Entscheidung als ChristIn heute zu leben,
wird immer wichtiger. Traditionen und katholische Sozialmilieus
verlieren rapid an Bedeutung. Wie finden Menschen heute zu einer
solchen bewußten Entscheidung? Glaube ist zuallererst
Erfahrung. Fehlt diese Erfahrenheit, verkommt überlieferter
Glaube und verdunstet nach und nach in unserer Kultur. Wo
können heute Menschen Erfahrungen im Glauben machen? Wo gibt
es Orte und Räume für eine urpersönliche
Gotteserfahrung?. Es gilt, Menschen hinzuführen vor das
Geheimnis, das ihr Leben im Grunde immer schon ist. Man kann
Gotteserfahrung nicht machen. Aber man kann Situationen behutsam
"inszenieren", in denen Gott nachgespürt werden kann. Es
braucht eine Kundigkeit, Gott im eigenen Lebenshaus, in der eigenen
Lebensgeschichte, aufzuspüren.
+ Pastoralseminar in Weiz
Das Pastoralseminar ist eine österreichweite Initiative, die
von den Pastoralämtern der Diözesen ausging.
Ähnlich dem Grundkurs gemeindlichen Glaubens sollte ein
eigenes pastorales Instrument der Gemeindeentwicklung für
Österreich entworfen werden. Dazu wurden aus ganz
Österreich MentorInnen ausgebildet. In Weiz wurde zum ersten
Mal 1993 ein solches Pastoralseminar abgehalten. Es hat sich inzwischen
zu einem sehr wertvollen "Instrument des Aufbruchs" entwickelt. Acht
Mal wurde es bis jetzt mit je 12-15 TeilnehmerInnen
durchgeführt. Zu einem der Charakteristika des "Weizer
Pastoralseminars" zählt, daß zunehmend auch
Menschen, die eher außerhalb der Kirche stehen,
dafür gewonnen werden können. Eine Sammlungsbewegung
an den Rändern der Kirche wird immer stärker
spürbar. Gerade von den TeilnehmerInnen an diesen Seminaren
ging in den letzten Jahren Neues und Innovatives in der Pfarre aus.
# Ziel
Ziel des Pastoralseminars ist es, in einer kleinen Gemeinschaft die
Sinne zu öffnen für die Spuren Gottes im eigenen
Leben. In einem offenen Prozeß geht es darum, der je eigenen
Berufung bewußt zu werden. Mit einem neuen Blick auf Kirche,
sollen die eigenen Charismen entdeckt und auf die Gemeinde hin
entfaltet werden.
# Inhalte
Es gibt keinen endgültig fixierten Themenkatalog. Das
Pastoralseminar wird in einem Team gründlich reflektiert und
entwickelt sich so Jahr für Jahr weiter. Trotzdem haben sich
in den letzten Jahren folgende Themen als sehr wesentlich erwiesen:
* Sich Kennenlernen - "Die Schildkröte"
* Den aufrechten Gang lernen - "Die Moldau"
* Zeichen der Zeit
* Meine Glaubensgeschichte
* Christus - Begegnungen
* Situation der Kirche - Unsere Pfarre
* Unsere Vision von Kirche
* Meine Charismen
# Durchführung
In Weiz hat sich inzwischen ein Team von sieben MentorInnen gebildet.
Jedes Pastoralseminar wird von zwei bis drei MentorInnen begleitet. Die
Arbeit in einem Team ist für das Gelingen des Seminars
außerordentlich wichtig. Zwischen jedem Seminar treffen sich
die MentorInnen, um zu reflektieren und das nächste Treffen
vorzubereiten. Eingeladen wird zum Pastoralseminar durch das
Pfarrblatt. Besonders wichtig ist aber die persönliche
Einladung durch die MentorInnen. Gerade dadurch können auch
Menschen angesprochen werden, die nicht zum engeren Kreis der Pfarre
gehören. Folgender zeitlicher Rahmen hat sich für das
Seminar sehr bewährt. Es beginnt mit einem offenen
Informationsabend und vier Abenden in der Pfarre. Dann gibt es ein
verlängertes Wochenende in einem Bildungshaus. Wieder vier
Abende in der Pfarre beschließen das Pastoralseminar. Als
oberstes Prinzip für das Gelingen dieses Prozesses hat sich
"wirkliche Freiheit" herausgestellt. Ab dem Zeitpunkt der Einladung bis
zum Schluß besteht ein großer Freiraum. Die
TeilnehmerInnen haben jederzeit die Möglichkeit, aus dem
Prozeß wieder auszusteigen. Persönliche Freiheit ist
für geistliche Vorgänge eine unabdingbare
Voraussetzung.
+ Andere spirituelle Zugänge
Es gilt, in der heutigen Zeit alle Phantasie und Kreativität
dafür aufzuwenden, in der Kirche Orte und Räume
spiritueller Erfahrung neu aufzumachen. Der spirituelle Boom im
"außerkirchlichen, freien Markt" zeugt von einem
großen Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen nach solchen
Erfahrungen. In Weiz hat es in den letzten Jahren verschiedenste Formen
und Versuche gegeben. Meditationstage für Jugendliche an vier
Tagen in einem Bildungshaus haben sich als eine
jugendgemäße Form sehr bewährt. Fahrten
nach Assisi für Jugendliche und Erwachsene wurden ein weiterer
Schwerpunkt. Eine Woche auf den Spuren des Franz von Assisi und der
Heiligen Clara, wurde zu einem Gemeinschaftserlebnis mit
prägenden Erfahrungen. Ein Hauptanliegen des Pfarrkonzils war
es, eine Oase für MitarbeiterInnen zu schaffen. Nach mehreren
Versuchen konnte dafür bis jetzt noch keine richtige Form
gefunden werden. In letzter Zeit entstand eine Gruppe in der
Fastenzeit, die Fasten aus einer spirituellen Dimension heraus
praktiziert. Kleinere Gruppen machen im Sommer Exerzitien. Beim
Pfingstereignis 1999 gab es zum ersten Mal eine spirituelle Nacht. Auch
Exerzitien im Alltag sollen in Zukunft in Weiz abgehalten werden.
o Netze der
Solidarität
Solidarität ist in unserer Gesellschaft zur
Überlebensfrage geworden. Obwohl wir in Österreich zu
den reichsten und sozial abgesichertsten Ländern der Erde
gehören, kommen verstärkt große, soziale
Herausforderungen auf uns zu. Man könnte die wichtigsten
Fragen in den "Vier-A-Begriffen " Arbeit, Armut, Alt-Jung und Andere
Welt zusammenfassen. Laut der von Paul M. Zulehner
mitverfaßten Solidarcharta wird in Zukunft die Mesoebene in
unserem Sozialwesen an Bedeutung gewinnen. Sozialstaat und Familie sind
in vielem überfordert. Viele gesellschaftliche Institutionen
befinden sich in einer Krise. Was es braucht sind Solidar-Netzwerke auf
der mittleren Ebene. Dort kann Tendenzen der Individualisierung und
Entsolidarisierung entgegengesteuert werden. Hier ist genau der Ort, wo
sich eine Kirche der Zukunft wiederfinden muß.
Überall dort, wo sie sich erlebbar auf der Seite der Schwachen
unserer Gesellschaft befindet, kann Aufbruch geschehen.
+ Christina lebt
1991 bildeten sich in der Katholischen Jugend mehrere politische
Arbeitskreise. Einer davon machte sich zum Ziel behinderten Menschen zu
helfen. Konkret war es die 14-jährige Christina, die an den
Rollstuhl gefesselt, keine Arbeit fand. Der Gruppe gelang es mit viel
Mühe für sie eine Arbeitsstelle zu finden. Damit
hatte ein Prozeß begonnen. Man merkte, daß vor
allem Eltern, die rund um die Uhr ihr behindertes Kind pflegen
müssen, enorm überbelastet sind. Man entdeckte,
daß für die wirkliche Integration Behinderter in
unsere Gesellschaft noch viel zu tun ist. 1994 war es soweit. Man
gründete den Verein "Christina lebt". Ziel dieses Vereines ist
die mobile Betreuung Behinderter, Familienentlastung und die
Integration Behinderter in unsere Gesellschaft. Inzwischen arbeiten im
Verein drei Behindertenpädagogen, eine Sekretärin und
ein Zivildiener. Neben den Hauptamtlichen stellen auch 12 ehrenamtliche
HelferInnen ihre Zeit für Betreuung zur Verfügung. 23
Personen werden vom Verein betreut. Da bis dato keine
öffentlichen Gelder für die Finanzierung
bereitstehen, muß "Christina lebt" pro Jahr 500.000S.- durch
Benefizveranstaltungen, Basare und Spendenaktionen selbst aufbringen.
Der Verein veranstaltet gemeinsame Gottesdienste, ein Integrationscafe,
Urlaub am Meer, Feste und leitet eine integrierte Jugendgruppe. Soweit
die äußeren Fakten. Das, was "Christina lebt"
besonders auszeichnet, ist der Geist und der Idealismus, der dahinter
steht. Hier ist an der Basis etwas gewachsen. Von ein paar wenigen
Idealisten ist etwas ausgegangen, das in Weiz inzwischen weit
über die Pfarre hinauswirkt. "Christina lebt" hat in der
Öffentlichkeit einen sehr guten Ruf. Viele Gruppen werden von
sich aus initiativ, um Benefizveranstaltungen und Spendenaktionen
für "Christina lebt" zu organisieren. Sehr viele sind bereit
in irgendeiner Weise einfach mitzuhelfen. Solidaritätsgruppen,
wie "Christina lebt" sind in den letzten Jahren in Weiz mehrere
entstanden. Wenn man sie näher analysiert, kann man folgende
Entwicklung beobachten:
# Sie entstehen aus einer Not unserer Zeit heraus.
# Sie gehen aus von Menschen, die durch Erfahrung zu Betroffenen
geworden sind und die eine Idee haben, etwas zu tun.
# Diese solidarisieren sich in einer Basisgruppe.
# Ein Prozeß beginnt.
Gemeinschaftserlebnisse werden geschaffen. Man analysiert die Situation
und entwickelt ein gemeinsames Programm. Eine Struktur mit Leitung und
Administration wird aufgebaut.
+ Netz der Aufmerksamkeit
Einer der wichtigsten Beschlüsse des Weizer Pfarrkonzils war
das "Netz der Aufmerksamkeit". Für die vielen Kranken, Alten,
Trauernden, Zugezogenen, Ausgetretenen, Behinderten, etc. sollte ein
Netz geknüpft werden. Es entstand die Idee, für die
ganze Pfarre MitarbeiterInnen zu suchen, die monatlich
persönlich das Pfarrblatt von Haus zu Haus tragen. So sollte
die Möglichkeit bestehen, persönlich mit vielen
Menschen in Kontakt zu kommen und auch aufmerksam zu werden
für das Leid der Menschen. Mit großem Einsatz ist es
in zwei Jahren gelungen 360 MitarbeiterInnen für diese Aufgabe
zu gewinnen. Das Netz der Aufmerksamkeit wurde über die ganze
Pfarre geknüpft. Jetzt gilt es diesem Netz inhaltliche
Konturen zu geben.
+ Netzwerk Solidarität
Beim Pfingstereignis 1998 wurde das Netzwerk Solidarität
gegründet. 18 Solidarinitiativen aus der Region Weiz/Gleisdorf
haben sich zu einem Netzwerk zusammengefunden. Alle diese Initiativen
sind in den letzten Jahrzehnten an der Basis entstanden. Sie engagieren
sich in der Arbeit mit Behinderten, psychisch Kranken, Arbeitslosen,
Gehörlosen, Sterbenden, Frauen, Kindern und Bauern. Diese
Initiativen kommen aus dem kirchlichen und aus dem
außerkirchlichen Bereich. Als Ziel hat man sich gesetzt,
soziale Zukunftsthemen für die Region rechtzeitig zu
thematisieren und Stimme der Schwachen zu sein. In einem intensiven,
offenen Prozeß entschied man sich vier Projekte gemeinsam
anzugehen. Es wird ein Weizer Solidargespräch zum Thema "Alt -
Jung" geben. Man will einen "Sozialreader" für die Region
herausgeben und eine Artikelserie über soziale Themen in einer
regionalen Zeitung initiieren. Als gemeinsame Aktion wird es ein
alternatives Integrationsfest geben. In Zeiten, in denen es sozial
kälter wird, die Starken immer stärker werden, ist
das Netzwerk Solidarität der Versuch entgegenzusteuern und
eine Lobby der Schwachen zu bilden.
o Konziliare Prozesse
+ Weizer Pfarrkonzil
Am 8. Dezember 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Am 3.
Dezember 1995 wurde das Erste Weizer Pfarrkonzil beendet. 30 Jahre nach
dem Konzil wurde auf Pfarrebene der Geist des Konzils, der ein Geist
des Aufbruchs war, wieder spürbar. Als pilgerndes Volk Gottes
hatten sich in Weiz knapp 100 ChristInnen auf den Weg gemacht.
Inhaltlich ging es bei diesem Pfarrkonzil um drei Vorgänge:
# eine Visionsfindung für die Pfarre
# eine Vernetzung der Gemeindemitglieder
# Entwicklung von konkreten Schritten zur Umsetzung der Vision
Die Visionsfindung geschah auf dem Hintergrund der Weizer
Pfingstvision. Dieser ist es eigen, für die Erneuerung der
Kirche einen offensiven, mystisch-politisch-geschwisterlichen Akzent
einzubringen. Dieses Anliegen hat sich auch im Pfarrkonzil fortgesetzt.
Beim Pfarrkonzil handelte es sich um einen geistlichen Vorgang. So
wurde das Pfarrkonzil von sehr vielen (die ganz bewußt darum
gebeten wurden) intensiv mit ihrem Gebet begleitet, Zentrum war der
gemeinsame Gottesdienst. Aus dieser Mitte erwuchs die Kraft, notwendige
solidarische Schritte anzugehen. Die Vorbereitungen hatten schon ein
Jahr vorher begonnen, nachdem der Pfarrgemeinderat einstimmig
beschlossen hatte, ein solches Konzil abzuhalten. Der Pfarrgemeinderat
und alle Hauptamtlichen (Dechant, zwei Kapläne, zwei Diakone,
Pastoralassistent) nahmen am Konzil teil. Darüber hinaus wurde
eine offene Einladung an alle getauften und gefirmten KatholikInnen der
Pfarre ausgesprochen. Bedingung zur Teilnahme war eine schriftliche
Anmeldung. Wichtig war, daß "die ganze Pfarre" beim Konzil
vertreten war. Jung und Alt, Progressiv und Konservativ; Akademiker und
Hilfsarbeiter, etc. Genau diese Spannung war dann
äußerst fruchtbringend für den Verlauf. Um
so bemerkenswerter ist es, daß beinahe alle Abstimmungen
einstimmig erfolgt sind (mit höchstens vier Stimmenthaltungen;
nur einmal gab es eine Gegenstimme). Insgesamt zehn Punkte wurden
beschlossen, die Maßstab werden sollten für die
Weiterarbeit der Pfarre in den kommenden Jahren. Dabei wurden die
innerkirchlich-strukturellen Fragen streng aus dem Blick der
pfarrlichen Notwendigkeiten heraus formuliert. Bei einer
Pfarrversammlung in Fortführung des Ersten Weizer Pfarrkonzils
kristallisierte sich besonders ein Projekt als wichtiges Vorhaben der
Pfarre heraus: Ein Netz der Aufmerksamkeit soll geknüpft
werden.
+ Konziliare Treffen
Dieses Erste Weizer Pfarrkonzil war ein Anfang, dem
pfarrübergreifende Konziliare Treffen in Weiz folgten. Paul M.
Zulehner begleitete diese Treffen. Das Erste Konziliare Treffen 1996
sollte dazu dienen, die TeilnehmerInnen in den Vorgang des Weizer
Pfarrkonzils einzuführen, und damit zu befähigen,
ähnliche Prozesse zu initiieren. Zu diesem Zweck wurden
dieselben Schritte wie beim Pfarrkonzil gegangen - nur eben mit
über 70 TeilnehmerInnen aus ganz Österreich. Dabei
ging es um Visionen und konkrete Reformschritte für Pfarren
und Gemeinden in Österreich. Das Treffen endete mit dem
Wunsch, ähnliche Treffen alljährlich abzuhalten und
als offene, ökumenische Prozesse mit eigener
Schwerpunktsetzung fortzuführen. 1997 bis 1999 fanden drei
weitere Konziliare Treffen in Weiz statt. Die Themen dieser Treffen
waren: Gemeinde als Ort der Solidarität; Pfarranalyse;
Gotteserfahrung aus erster Hand "inszenieren" und Liturgie als
Gottesgefahr - Wie werden unsere Gottesdienste zur Kraftquelle? Neben
den inhaltlichen Schwerpunkten dienten die Treffen vor allem der
österreichweiten Vernetzung von Kirchen-LiebhaberInnen und dem
Erfahrungsaustausch.
* III. Bausteine
für eine neue Gestalt von Kirche
o Aufbruch geschieht aus der Kraft der Vision.
Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern. Ist es
aber gesät, wächst es höher als viele andere
Gewächse. Wenn Geist und Motivation stimmen und wenn die
Vision wahr ist, dann kann von ganz wenigen Großes ausgehen.
Jeder Aufbruch ist letztlich ein Moment an der "Reich-Gottes-Bewegung"
Jesu.
o Quelle des Aufbruchs sind spirituelle Erfahrungsräume.
Gott ist es, der seine Kirche baut. Die wichtigsten Bausteine sind
Menschen, die Gott seiner Kirche hinzufügt. Dazu braucht es
Gott-Erfahrene Menschen, Orte und Räume, wo Menschen auf die
Spuren Gottes kommen können.
o Quelle des Aufbruchs sind Netze der Solidarität
Die Kirche muss sich, aus dem Evangelium heraus, leidenschaftlich auf
die Seite der Schwachen in unserer Gesellschaft stellen. Dies erfordert
konkretes, solidarisches Tun. Überall, wo es um die
brennenden, sozialen Fragen der Zukunft geht, muss Kirche vor Ort sein.
o Aufbrüche geschehen durch konziliare Prozesse
Das hierarchische Prinzip in der Kirche muss mit dem konziliaren in
Gleichklang kommen. Konziliare Prozesse auf allen Ebenen der Kirche
sind die Methode, wie Kirche heute ihren Weg durch die Zeit finden kann.
o Erneuerung geschieht in der Öffnung zur Welt
In einem selbstbewussten Dialog mit der Welt geschieht Erneuerung. Der
Umgang z. B. mit Medien oder die Auseinandersetzung mit moderner Kunst
sind Zeichen von "aggiornamento". Das Zugehen auf die Welt ist ein
wichtiges Prinzip.
o Eine neue Gestalt von Kirche ereignet sich besonders als
Sammlungsbewegung an den Rändern der Kirche.
Es braucht neue Kräfte von Außen. Neues und
Innovatives geschieht oft durch Menschen, die mit ihrem Blick von
Außen Verfestigtes besser erkennen. So ist auch die Struktur
der Pfarre der beste Garant dafür, den Blick immer auf alle
gerichtet zu haben.
o Es ist die Stunde der Laien, besonders die der Frauen.
Der Übergang zu einer mündigen Kirche des Volkes
verlangt den "wirklichen" Laien. Weder Klerus noch "beamtete" Laien
werden dabei die entscheidende Rolle spielen. Laien, die mit ihrer
Berufung mitten in der Welt stehen, werden zuallererst diese neue
Gestalt prägen. Frauen waren die ersten Zeuginnen der
Auferstehung. Sie brachten die Botschaft vom Aufbruch. Auch heute kommt
die Kraft aufzubrechen stark von den Frauen.
o Es gilt Energien für etwas und nicht zuerst gegen etwas
einzusetzen.
Eine tief greifende Reform der Kirche ist nur gemeinsam mit der Leitung
möglich. Aus der Organisationsentwicklung wissen wir, dass
grundlegende Reformen nicht an der Leitung vorbei geschehen
können. Es gilt also zumindest einen Teil der Leitung
dafür zu gewinnen.
o Leitung geschieht zunehmend in offenen, prozessorientierten Teams.
Je lebendiger Gemeinden werden, desto wichtiger wird gut wahrgenommene
Leitung. Effizient und gut zu leiten heißt zunehmend in
offenen Teams zu arbeiten. Eine solistisch-kirchliche Planwirtschaft
von oben, ist nicht mehr zumutbar. Leitung besteht vor allem darin,
Menschen mit ihren gottgegebenen Charismen zu finden, zu ermutigen und
zu vernetzen.
o Aufbruch ist letztlich Geschenk.
Das Wesentliche ist nicht machbar. Gott schreibt oft auf krummen Zeilen
gerade. Durch das Mysterium von Bruch und Aufbruch hindurch vollzieht
sich die neue Gestalt von Kirche.
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